Ein Nichttaucher auf Giglio
vom 30.08.2003 bis 07.09.2003
Wer kann so verrückt sein, sich die Strapazen einer ca. 17 Stunden dauernden Anfahrt zu einer Tauchbasis auf einer Mittelmeerinsel namens Giglio anzutun? Richtig: Ein Taucher. Wie allerdings nennt man denjenigen, der aus reiner Menschenfreundlichkeit die Ausrüstung (siehe unten) für einen Taucher auf dieser Mammuttour mitschleppt? Richtig: Einen Nicht-Taucher.
Zugegeben: Man wird als Nicht-Taucher entschädigt. Wenn man ein bißchen gehässig ist und Schadenfreude anstatt Mitleid empfinden kann, wird einem ganz schön was geboten. Allein der Anblick einer bei 35°C (Schatten) in schwarze Plastik "Ganzkörperkondome" gekleideten Meute ist die ganze Mühe wert. Wenn diese Meute sich dann auch noch mit hochroten Köpfen und ca. 40 kg Gepäck (in alphabetischer Reihenfolge: Automat, Blei!!!!, Boje, Computer, Finimeter, Flasche, Flossen, Fotoapparat, Jacket, Kompass, Lampe, Maske, Messer, Mütze, Oktopus, kurz: Gerödel) im Gänsemarsch über den heißen Strand schleppt, ist das geradezu ein Fest für die Augen eines Nicht-Tauchers. Und der Spaß ist bei Erreichen des Wassers noch lange nicht vorbei.
Es folgt die Prozedur "Beladen der Schlauchboote". Oder sollte ich sagen "Tortur"? Egal, wer sich das geben muss, ist selber schuld. Man stelle sich das vor: 2 auf den Wellen tanzende Schlauchboote. 24 angerödelte Taucher bis zum Bauch im Wasser, die bei dem Versuch, 24 Flaschen, Jackets und Bleigurte und 48 Flossen an Bord zu hieven, eben von diesen Schlauchbooten hin-, her- und umgeschleudert werden. Man ist gerade kurz davor, Mitleid zu empfinden, wenn das Schauspiel seinen Höhepunkt erreicht: "Das Bemannen der Boote." Denn "Besteigen" kann man es nicht nennen, wenn sich die Leiber gestandener, wie Wurst in Pelle gekleideter Männer und Frauen unbeholfen über die ebenso prall gefüllten Bootsschläuche robben und wälzen, um sich dann völlig erschöpft, Kopf voraus, auf den Boden des Bootes fallen zu lassen. - Blöd, wenn man dann was vergessen hat, nicht wahr Hama?
Aber dann ist Schluss mit lustig. Wenn sich die Boote mit allen Insassen vom Strand entfernt haben, kehrt Ruhe ein, 2 Stunden, in denen man nichts zu lachen hat. Dann kommen 24 mehr oder weniger durchgefrorene Taucher zurück und der obige Film läuft rückwärts ab. Und kaum sind weitere 2 Stunden vergangen, geht alles wieder von vorne los. Masochismus in Reinstform.
Bis zum Deko-Bier, das ausgiebig zur Fachsimpelei genutzt wird. Hier ein Auszug einiger immer wieder gern erörterter Themen: Nitrox wäre besser. Nullzeittauchen, Halbsättigungszeit, Sauerstoffpartialdruck, Stickstoffsättigung, War das ein weiblicher oder männlicher Meerjunker? Quatsch! Das war ein Meerpfau! Hast Du das Seepferdchen gesehen? Wo? Da im Seegras. Nee, Seegras gucke ich mir nicht an, das wackelt immer so und da wird mir immer schlecht. Mit wem bin ich jetzt eigentlich getaucht? Ich musste mir 2 mal die Maske ausblasen. (Ist das das Gegenteil von: sich die Maske volllaufen lassen?) Nimmst Du mir morgen endlich die letzte Prüfung ab, Hubert? Tiefenrausch, Lungenriss, Sauerstoffvergiftung, Barotrauma. Ich frage mich: Wird das Hirn da unten auch zusammengepresst?
Ich lasse meine Gedanken schweifen und mir wird plötzlich eines ganz klar: Taucher und Nicht-Taucher haben etwas gemeinsam. Es sind beides Idealisten. Der Taucher in seiner Funktion als Taucher und der Nicht-Taucher in seiner Funktion als Begleiter eines Tauchers.
Und zu guter letzt stellt man mir dann die Frage aller Fragen: Möchtest Du nicht auch mal Schnuppertauchen? Mir schießen die Bilder des Tages durch den Kopf und innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde die Antwort aller Antworten: Das ist lieb gemeint, aber: Nein Danke!
Julchen Müller