Â
Kas €“ Der Geheimtipp

Clubausfahrt des Tauchclub Heilbronn
Ein Reisebericht von Marc Manz
© Copyright 2001 bei Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
"Malerisch versteckt in einer stillen Bucht der lykischen Küste liegt Kas (gesprochen übrigens Kasch, weil im Türkischen unter dem "s" ein Häkchen ist...), von den Lykiern ursprünglich Habesos genannt, von den Griechen später dann Antiphellos. Ein kleines ehemaliges Fischerstädtchen, noch verschont vom Massentourismus, mit einer ganz ursprünglichen Atmosphäre. Der Ortskern mit den schmalen Gassen und den griechischen Häusern mit den typischen Holzbalkonen und den Erkern steht unter Denkmalschutz. Urige Restaurants findet man neben lykischen Sarkophagen, die Fülle eines türkischen Obstladens neben einer Bar. Und dort überm Wasser, zum Greifen nah, die griechische Insel Kastellorizo (Meis).
Kas und seine Umgebung muß man einfach mögen. Die lykische Küste ist hier wild zerklüftet, mit Inseln und Halbinseln, Buchten und versteckten Stränden. Phellos bedeutet übrigens steiniges Land und damit hatten sowohl Lykier, als auch Griechen und später die Römer so ihre Probleme. Heute ist man froh über die Abwechslung von eintönigen Endlos-Stränden. Rund um die Stadt ragen die Berge zu schwindelerregender Höhe auf, als wollten sie das Städtchen und den Hafen bewachen."
Mit diesen wunderschönen Worten wird auf den Seiten des Reiseveranstalters MD-Tours (www.kas-tuerkei.de ) das kleine Örtchen im Süden der Türkei den Urlaubern schmackhaft gemacht, und das vollkommen zu recht. Kas ist eine Reise wert und wer für dieses Jahr noch keine Urlaubspläne hat, der sollte Kas durchaus einmal in seine engere Auswahl aufnehmen.
Doch neben der faszinierenden Landschaft, der jahrtausende alten Kultur und der urigen Idylle eines verschlafenen Fischerstädtchens lockt nicht zuletzt auch das Meer den tauchenden Urlauber mit Tauchplätzen die auf so fantasievolle Namen wie Flying Fish, Golden Horn oder Titanic hören.
Nicht zuletzt aus diesem Grund machen wir, eine kleine Gruppe von 15 Tauchfreunden des Tauchclub Heilbronn, uns im Frühsommer des Jahres 2001 eben dorthin auf den Weg um dem Mittelmeer seinen gebührenden Platz als lohnendes Tauchziel einzuräumen. Schließlich muß es ja nicht immer das Rote Meer sein.
Die Anreise nach Kas gestaltet sich nicht unbedingt so erholsam wie wir das zuvor gehofft haben. Da wir bereits um 1 Uhr morgens vom Bus am Bauhausparkplatz in Neckarsulm abgeholt werden, ist in dieser Nacht nicht viel an Schlaf zu denken. Hinzu kommt noch, daß die Konstrukteure bei der Entwicklung des Busses, den man uns geschickt hat, irgendwie vergessen haben, soetwas wie Stauraum mit einzubauen und wir deshalb teilweise auf dem Gepäck sitzend nach Frankfurt geschaukelt werden. Doch die Vorfreude auf die bevorstehenden Urlaubstage läßt uns so ein paar Unannehmlichkeiten gerne in Kauf in nehmen. Nach einem mehr oder weniger ereignislosen Flug nach Dalaman steht uns eine dreistündige Fahrt mit dem Bus in der prallen türkischen Mittagshitze bevor. Der Reisebegleiter im Bus versichert uns zwar, daß unser Busfahrer angeblich der schnellste Busfahrer in der ganzen Türkei sei, aber irgendwie wird der schnellste Busfahrer der ganzen Türkei unterwegs von allem überholt was Räder hat, inklusive anderen Bussen. Der Reisebegleiter wird in der Zwischenzeit nicht müde uns zum x-ten mal zu erklären wer, in welchem Hotel, wann seine Begrüßungscocktails bekommt und dabei so ganz nebenbei eine Art Öger-Tours Werbeveranstaltung über sich ergehen lassen darf. Da wir allerdings vorhaben, die Unterwasserwelt der lykischen Küste zu erkunden und nicht die Tage in Bussen sitzend durch die Berge geschaukelt werden wollen, beschließen wir kurzerhand auf die Begrüßungscocktails zu verzichten.
Die Fahrt entlang der Küste mit ihren teilweise über 1000m hohen Bergen, die steil in das tiefblaue Meer hinein abfallen, stellt bereits für sich ein beeindruckendes und kurzweiliges Erlebnis dar und nach einigen Zwischenstopps treffen wir am frühen Nachmittag in Kas ein. Nachdem wir bei Nieselregen und kühlen Temperaturen von gerade mal so um die 10ºC in Frankfurt gestartet waren, kommt uns das Wetter in Kas wie ein paradiesischer Traum vor.
Ein strahlender, Azur-blauer Himmel an dem kein Wölkchen den Blick zur Sonne verwehrt ist genau das Richtige um auch den letzten Gedanken an Alltagsprobleme zu vertreiben und angenehm warme Temperaturen von ca. 32ºC versetzen uns schnell in ein Hochgefühl welches sich auch dann nicht trübt, als wir, im Hotel Kayahan angekommen, unsere Schuhkarton-großen Unterkünfte beziehen. Drei Betten und ein Kleiderschrank in einem 12qm grossen Zimmer lassen wenig Platz für Mensch und Material. Da wir aber nicht vorhaben, viel Zeit auf den Zimmern zu verbringen, sehen wir über diesen kleinen Mangel hinweg und ziehen es stattdessen vor, erst einmal dem Hotelpool einen Besuch abzustatten.
Wunderbar erfrischt und abgekühlt geht es dann zur Barakuda Tauchbasis von Gabi, vielen von Euch sicher noch von den Clubausfahrten ´97 und ´98 gut bekannt. Da es für einen Tauchgang an diesem Tag bereits zu spät ist, wickeln wir all die Anmelde-Formalitäten ab und beschließen danach einfach den Abend mit einem Bier bzw. einer Cola zu begrüßen und erste Kontakte zum Personal der Basis zu knüpfen.
Schönes Wetter und frische Luft machen ja bekanntlich sehr hungrig und die türkische Küche zählt mit zu den Besten und Abwechslungsreichsten der Welt. Sowohl das Essen als auch die Atmosphäre darum herum sind im Hotel Kayahan etwas ganz Besonderes. Alle Mahlzeiten werden auf der überdachten Dachterasse serviert, wo sich übrigens auch die Hotelbar befindet. Vom Dach des Hotels aus hat man einen unvergeßlichen Blick über die Bucht und die vorgelagerte Inselwelt. Allen voran natürlich die griechische Insel Kastellorizo, von den Türken Meis genannt. Meis ist als östlichste der griechischen Insel zugleich auch der östlichste Zipfel der europäischen Union.
Zum Abendessen gibt es ein Buffet welches mit einer reichen Auswahl an landestypischen Vorspeisen eröffnet wird. Allein schon die Vorspeisen sind so köstlich und reich an der Zahl, daß man versucht ist, sich den Teller über und über mit diesen Leckereien zu beladen. Später beim Hauptgang stellt man dann fest, daß man im Grunde eigentlich schon satt ist. Aber was ein guter Schwabe ist, bzw. mal einer werden will, der folgt standhaft dem urschwäbischen Motto : "Lieb'r d' Maga verränkt, als m' Wirt was g'schenkt". Und wer nach dem Hauptgang immer noch hungrig sein sollte, der darf sich mit zuckersüßen türkischen Desserts vergnügen.
Am nächsten Morgen kann es endlich mit dem Tauchen losgehen. Gestärkt durch ein gutes Frühstück setzt sich unsere kleine Gruppe in Richtung Hafen in Bewegung. Der Weg vom Hotel zum Hafen dauert zu Fuß nur ungefähr 5-10 Minuten und verläuft teilweise am Ufer entlang. Unterwegs kann man gleich ein bißchen antike Kultur bewundern, denn der Weg führt unter anderem auch an einem lykischen Sarkophag und einer in den Felsen gehauenen Grabkammer vorbei. Sowohl Sarkophag als auch Grabkammer liegen beide direkt an der Küste mit Blick hinaus auf die Inseln und das offene Meer. Die alten Lykier hatten eben einen Sinn für eine schöne Wohnlage, selbst für die Zeit nach ihrem irdischen Dasein. Allerdings sind die Sarkophage und Grabkammern alle leer. Ob sie von Grabräubern geplündert oder von Archäologen geborgen wurden, ist uns leider nicht bekannt. Da die meisten Gräber Spuren einer gewaltsamen Öffnung tragen, werden wohl die Grabräuber den Archäologen wie so oft zuvorgekommen sein.
Wer nicht Tauchen geht, verbringt die Tage meistens am Felsen-Strand unterhalb des Hotels wo man unter großen Sonnenschirmen Schutz vor der Mittagshitze suchen kann und seinen Durst mit einer Visne-Soda (zu deutsch Sauerkirschschorle) stillt. Visne-Soda entwickelt sich im Laufe des Urlaubs zum Lieblingsgetränk vieler und hätte beinahe noch das gute Efes-Bier entthront. Wenn es die Hitze zuläßt, bummelt man durch das kleine Fischerstädtchen, läßt sich von den gastfreundlichen und nicht minder geschäftstüchtigen Einwohnern ab und zu auf einen Apfeltee und ein kleines Schwätzchen einladen und bewundert die Kunstfertigkeit der örtlichen Handwerker und Künstler, welche in ihren kleinen verwinkelten Läden ihre Waren feil bieten. Auch das Internetzeitalter ist in Kas bereits angebrochen. So gibt es inzwischen mehrere Internetcafe's verteilt im ganzen Ort. Allerdings sind auf den PC's nur Programme in türkischer Sprache installiert, was dem Surfen einen gewissen Reiz und vor allem Überraschungseffekt verleiht.
An dieser Stelle möchte ich aber auch noch ein paar kritische Worte über die Anwohner der türkischen Küste anbringen, denn was den Umweltschutz betrifft, nimmt man es hier anscheinend nicht ganz so genau. Die natürliche Resource Meer, welche man so reichhaltig vor der eigenen Haustüre hat, wird oft ziemlich rücksichtslos ausgebeutet und zerstört. Wenn man beim Bummel durch Kas an einem der zahlreichen Fischrestaurants vorbeikommt, sieht man vor fast jedem Restaurant den Fisch und die lebenden Krebse in der Auslage ausgestellt um Kunden anzulocken. In dieser Auslage liegen nicht nur Brassen und Makrelen, sondern leider auch Zackenbarsche und Bärenkrebse, Tiere die man beim Tauchen in den Gewässern um Kas nur noch sehr selten zu Gesicht bekommt. Der Fischreichtum unter Wasser kann sich nicht messen lassen mit dem Bestand den man an geschützten Mittelmeer-Küsten, wie zum Beispiel in L'Estartit, vorfindet. Wahrscheinlich mit eine Folge des in dieser Region immer noch praktizierten Dynamit-Fischens. Auf einem der Tauchgänge gelangen wir selbst einmal an einen Tauchplatz, an dem mit Dynamit gefischt wurde. Die Auswirkungen dieser Art des Fischens sind unter Wasser einfach verheerend. Der Bodenbewuchs ist nahezu komplett zerstört und auch die Felsen liegen buchstäblich in Trümmern. Gerade so als ob man über einer Mondlandschaft tauchen würde. Fragt man die Türken, dann sind es angeblich griechische Fischer welche des Nachts an die Küste kommen um mit Dynamit zu fischen und wenn man griechischen Quellen glauben darf, dann kommen im Gegenzug türkische Fischer an griechische Küsten und tun genau dasselbe.
Zum Glück nehmen mit dem Tauch-Tourismus in dieser Region auch die Bemühungen um den Schutz der Unterwasserwelt zu. Nicht zuletzt angetrieben durch Tauchbasen und Hotels welche in den Tauchern eine lukrative Einnahmequelle haben. So gesehen betreiben wir schon allein dadurch, daß wir dort tauchen gehen, schon ein bißchen Umweltschutz. Allerdings darf einen das nicht von der Pflicht entbinden, umweltbewußt zu Tauchen und die Unterwasser-Flora und Fauna nur mit den Augen und nicht mit den Händen zu bewundern.
Die Tauchgänge
Das Tauchboot der Barakuda Basis ist angenehm geräumig und bietet genügend Platz für Taucher, Mannschaften und Bruno, den "See"-Hund. Bruno hat Hausrecht in der Basis und auf dem Boot und weiß seinen Platz zu verteidigen, sollten einmal andere Hunde oder Katzen es wagen seine Position anzufechten.
Die Vorbereitung und das Anlegen der Ausrüstung kann man bequem im Schatten des Sonnendecks durchführen und ist dank des Platzangebotes für die meisten auch in kurzer Zeit erledigt. Natürlich gibt es auch immer ein paar Spezies, die mit ihrem etwas unorthodoxen Ordnungssinn die Tauchgangs-Vorbereitungen in ein hektisches Ausrüstungs-Suchspiel verwandeln. Für das schlimmste Exemplar der Gattung Aquaticus Chaoticus prägt die Crew an Bord innerhalb kurzer Zeit den treffenden Spitznamen "Hama alles", welcher dann auch schnell von den restlichen Mitgliedern der Gruppe übernommen wird. Aber dank eines gründlichen Ausrüstungscheck vor dem Tauchgang springen alle mit kompletter Ausrüstung in's Wasser, was die Anzahl der Freirunden nach dem Tauchgang "leider" auf einem Minimum hält.
Während der Fahrt zum Tauchplatz fröhnen wir auf dem Sonnendeck dem gepflegten Nichtstun und genießen die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut. Je nach Tauchplatz dauert die Fahrt mit dem Boot zwischen 15 und 45 Minuten und läßt genügend Zeit die prächtige Kulisse der lykischen Küste vom Meer aus zu bewundern. Geschützt durch die vorgelagerten Inseln ist das Wasser in der Bucht in der Regel sehr ruhig und erlaubt einem, ohne viel Hektik und Streß vor dem Tauchgang das Briefing durchzuführen und die Ausrüstung anzulegen. In diesem Punkt werden jetzt vielleicht einige die in Kas dabei waren widersprechen wollen, aber wer einmal Bootsfahrten bei vergleichbarem Wetter auf dem Roten Meer oder auf dem Atlantik mitgemacht hat, wird mir darin zustimmen, daß der Seegang in der Bucht von Kas eher zu vernachlässigen ist. Sobald man sich aber einmal aus dem Schutz der Inseln hinaus auf's offene Meer wagt, wird der Seegang merklich heftiger, wie wir auf unserem Tagesausflug nach Kekova zu spüren bekommen werden, aber dazu später mehr.
Das Flugzeugwrack am Flying Fish
Tauchgänge an der Küste von Kas sind ein beeindruckendes Erlebnis. Allerdings sollte man nicht versuchen die türkische Küste an anderen Tauchplätzen im Roten Meer oder im Atlantik zu messen. Jedes Tauchrevier hat seine eigenen Reize. So findet man bei Tauchgängen in Kas weder die Farbenpracht und den Korallenreichtum wie man ihn vom Roten Meer her kennt, noch begegnen einem Großfische und Haie in einer Zahl wie man das etwa im Atlantik oder der Karibik gewöhnt ist. Die Stärke der türkischen Küste ist Ihre lange Geschichte die bis weit in die Antike zurückreicht. Man stößt beim Betauchen dieser Gewässer immer wieder auf Überreste aus längst vergangenen Tagen. Amphoren, versunkene Sarkophage und sogar eine ganze versunkene Stadt um nur ein paar Beispiele zu nennen. Aber auch der Wahnsinn der jüngeren Zeit hat hier seine Spuren auf dem Meeresboden hinterlassen. So liegt zwischen der Insel Kastellorizo und dem türkischen Festland ein vor sich hin rostender italienischer Bomber der hier im 2. Weltkrieg abgeschossen wurde. Der Tauchplatz, an dem das Flugzeug liegt, trägt den bezeichnenden Namen Flying Fish.
Allerdings liegt das Flugzeug in einer Tiefe von 50 bis 60 Meter und ist deshalb nur für erfahrene Taucher zu empfehlen. Tauchgänge hinab zum Flugzeugwrack werden nur in Begleitung eines Führers der Basis durchgeführt und es dürfen auch nur Taucher mit mindestens einhundert im Logbuch eingetragenen Tauchgängen daran teilnehmen. Gabi achtet sehr genau darauf, daß es bei Tauchgängen am Flying Fish keine Mauscheleien gibt. Als wir dort tauchen führt sie die Gruppe sogar selber an. Und obwohl die Gruppe nur aus erfahreneren Tauchern besteht, wird nicht ganz bis zum Flugzeug abgetaucht, sondern man bleibt ein paar Meter über dem Wrack stehen um es aus von oben zu betrachten. Sicherheit geht beim Tauchen immer vor, egal welchen Ausbildungsstand und Erfahrungsschatz man auch haben mag. Die Regeln der Tauchphysik lassen sich nun eimal durch Ausbildung und Erfahrung nicht ändern oder gar brechen, auch wenn man immer wieder auf Taucher trifft, die meinen, daß sie genau dazu in der Lage wären.
Am Flying Fish zu Tauchen nur um dem Flugzeugwrack einen Besuch abzustatten ist im Grunde viel zu schade, denn die Felsen die sich an diesem Tauchplatz bis knapp 2m unter der Wasseroberfläche erheben sind allemal eine nähere Erkundung wert. Ziemlich genau zwischen Kastellorizo und dem Festland liegend stellen sie einen beliebten Treffpunkt für große und kleine Fische dar und so sieht man Schwärme von Spondyliosoma Cantharus (Streifenbrassen), Sardina Pilchardus (Sardinen) und großen Exemplaren der Coryphaena Hippurus (Goldmakrelen) im Strömungsschatten stehen. Natürlich lockt solcher Fischreichtum auch Räuber aller Art an. So trifft man um die Felsen herum auch auf zahlreiche Epinephelus Guaza (Zackenbarsche), Muraena Helena (Mittelmeer-Muränen) und gelegentlich auch vereinzelte Exemplare der Gattung Sphyraena Sphyraena (Barakudas).
Doch genug der lateinischen Fisch-Fachsimpelei. Wer sich näher für die Meeresbewohner interessiert, der sollte einmal im Internet unter http://www.ottoewieghardt.de/ vorbeischauen. Dort hat ein gewisser Otto E. Wieghardt eine wunderbare Sammlung der Fischwelt des Atlantiks zusammengetragen. Und da Herr Wieghardt zugleich ein passionierter Maler ist, hat er die Seiten mit selbstgemalten Aquarellen der Fische verschönert. Eine sehr lohnenswerte Adresse. Man erfährt hier viel Wissenswertes über die Tiere, wie eben auch deren lateinische Namen und, was viele vielleicht mehr interessieren dürfte, schmackhafte Rezepte zur Zubereitung derselben.
Eine letzte Gattungsbezeichnung möchte ich Euch hier nicht vorenthalten. Es handelt sich hierbei um die Gattung der Boops Boops. Diese Gattung gibt es wirklich. Es ist die Gelb- oder auch Goldstrieme, welche in kleinen Rudeln den Meeresboden abgrast und sicher jedem von uns schon einmal vor die Taucherbrille geschwommen ist.
Nachttauchgang am Goldenen Horn
Abends, gegen 21.00h, starten wir zu einem Nachttauchgang. Wer keine eigene Lampe mit sich hat, wird von der Basis ausgestattet. Die Dämmerung hüllt die Küste mit Ihren Inseln in einen dunklen Schleier und die Stimmung an Bord ist merklich ruhiger und beschaulicher als bei den Tauchgängen am Tag. Für einige in der Gruppe ist es der erste Nachttauchgang im Meer und man merkt Ihnen sowohl die freudige Erwartung als auch die etwas gespannte Nervosität an. Die meisten unserer Gruppe sitzen einfach an Deck, hängen Ihren Gedanken nach und schauen auf's offene Meer hinaus, dessen Wasser sich mit zunehmender Stunde immer schwärzer färbt.
Hajo erklärt beim Briefing nochmals worauf man bei Nachttauchgängen besonders achten muß. Dann ist es soweit. Der Kapitän signalisiert uns, daß wir demnächst unseren geplanten Tauchplatz "Chicken Bay" erreichen. Urplötzlich ändert sich die Atmosphäre an Bord. Wo vorher noch Ruhe und Beschaulichkeit das Bild prägten herrscht auf einmal emsiges Treiben. Doch es stellt sich heraus, daß wir uns noch etwas in Geduld üben müssen. Der Crew gelingt es nicht, das Boot an diesem Tauchplatz mit seinem flachen sandigen Grund sicher zu verankern, denn Strömung und Seegang sind an diesem Abend doch stärker als die geschützte Lage in der Bucht vermuten ließ.
Wir beschließen weiter bis zum Goldenen Horn zu fahren um dort unser Glück zu versuchen. Das Goldene Horn wird nicht so oft für Nachttauchgänge angefahren, da der Tauchplatz mit seinen Felsen und kleinen Inseln recht hohe Anforderungen an die Orientierung unter Wasser stellt. Doch da wir alle eine gute Ausbildung genossen und außerdem erst Tags zuvor am selben Tauchplatz getaucht haben, beschließen wir die Herausforderung an unseren Orientierungssinn anzunehmen.
Nachdem sich die Tauchpartner im Wasser gesammelt haben machen wir noch schnell ein Blitzlicht an der Ankerkette fest, welches uns den Rückweg im Dunkeln erleichtern soll. Dann sinken wir im Schein unserer Lampen langsam an der Kette in die Tiefe hinab. Nach ungefähr 15m erreichen wir die große Felswand in der sich viele Tiere zum Schutz vor nächtlichen Räubern versteckt halten. Wir schweben vorbei an schlafenden Meerjunkern und Kaninchenfischen. Es ist immer wieder faszinierend, wie anders sich die Tiere nachts zeigen. Viele haben ihr etwas farbloses "Nachtgewand" angelegt.
Immer wieder leuchten wir in die zahllosen Löcher und Spalten der Felswand auf der Suche nach kleinen nachtaktiven Garnelen. Die Garnelen selbst sind so klein und durchsichtig, daß sie fast nicht zu sehen sind, aber Ihre Augen reflektieren wie Katzenaugen das Licht unser Scheinwerfer und verraten Ihre Position.
Kurz vor dem "Weißen Hai" machen wir kehrt und tauchen mit der Felswand zur Linken wieder zurück in Richtung Boot. Der "Weiße Hai" ist zum Glück kein lebendes Exemplar dieses gefährlichen Meeresräubers, was so nah an der Küste auch sehr unwahrscheinlich wäre. Es handelt sich hierbei vielmehr um eine Skulptur die ein tauchender Künstler unter Wasser aus einem großen Marmorblock gehauen hat. Da allerdings nachts alle Haie bekanntlich grau sind und man eine sich aus dem Dunkeln herausschälende Kontour eines Marmorhaies leicht mit der eines echten Hai verwechseln könnte, beschließen wir uns diesen Adrelaninschub zu ersparen.
Kurze Zeit später entdecken wir im Schutz einer kleinen Höhle einen großen grünen Drückerfisch. Eine Art, die normalerweise nicht im Mittelmeer anzutreffen ist und wahrscheinlich als Balastfahrer vom Roten Meer eingeschleppt wurde. Der Drückerfisch ist sichtlich verwirrt durch unser nächtliches Erscheinen. Da man Drückerfischen mit Respekt begegnen sollte, besonders wenn sie bereits eine derart beachtliche Größe erreicht haben, ziehen wir uns vorsichtig zurück und lassen ihm seinen Schlaf.
Ein paar Meter weiter lassen wir die Felswand etwas zurück und tauchen von der Küste weg über große Seegraswiesen. Plötzlich signalisiert uns hektisches Schwenken von Taucherlampen das Erscheinen eines weiteren nächtlichen Besuchers. Es ist ein kleiner langarmiger Krake bei der Nachtwanderung durchs Seegras. Das schnell wechselnde Mimikry seiner Haut läßt uns seine nervliche Belastung erahnen. Wir lassen den Kraken allein auf seinem Beutezug und tauchen weiter in Richtung Boot.
An einer sandigen Stelle lassen wir uns vorsichtig auf den Grund absinken und schalten unsere Lampen ab. Nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben können wir das "Meeresleuchten" um uns herum erkennen. Verursacht wird das Meeresleuchten durch abertausende kleiner Planktontierchen die über biochemische Reaktionen in ihren Körperzellen Licht erzeugen können. Sobald man im Dunkeln seinen Arm durch das Wasser bewegt werden die Tiere zu diesem als Biolumineszenz bezeichneten Phänomen angeregt.
Das Wasser ist so klar wie der nächtliche Himmel und so können wir in 12m Tiefe sitzend den Mond und die Sterne über uns erkennen als wir unsere Blicke zur Wasseroberfläche richten.
Zurück an Bord gibt es dann erst einmal ein Gläschen Raki (gesprochen "Ra-ke", weil das "i" im Türkischen keinen i-Punkt hat) zum Aufwärmen der ausgekühlten Knochen. Wir erinnern uns zwar alle noch an die mahnenden Worte unserer Tauchlehrer während der Ausbildung, als sie uns wiederholt daran erinnert haben, daß Alkohol keinerlei wärmenden Effekt hat. Aber grau mein Freund ist alle Theorie und grün ist des Lebens güldener Baum, wie schon 200 Jahre zuvor ein gewisser Herr Goethe so treffend zu berichten wußte. Auf jeden Fall tut das Gläschen Raki sehr gut und irgendwie fühlen wir uns auch ein bißchen wärmer danach.
Der Delfin
Am vorletzten Tauchtag gestaltet sich die Bootsfahrt etwas zu ruhig, denn aufgrund eines Motoschadens dümpeln wir mitten in der Bucht antriebslos auf den Wellen auf und ab. Das Boot treibt ungefähr auf der Höhe des antiken Amphietheaters im Wasser während wir uns unserem Schicksal fügen und die Crew fieberhaft versucht, den Schaden in den Griff zu bekommen. Da ertönt plötzlich ein aufgeregter Ruf und eine Hand zeigt hinaus auf die spiegelglatte See. Alle Augenpaare starren in die angegebene Richtung auf's Meer hinaus und tatsächlich erkennt man in der Ferne die Ursache der plötzlichen Aufregung. Eine einzelne, große, silbergraue Rückenflosse taucht immer mal wieder kurz aus den Fluten auf und bewegt sich ganz langsam auf unser Boot zu. Es ist in der Tat die Rückenflosse eines Delfins (...ich werde mich nie an die neue Schreibweise dieses Wortes gewöhnen...) welcher die Bucht auf der steten Suche nach Beute durchstreift. Als der Delfin für mehrere Minuten abtaucht, glauben wir ihn schon entschwunden. Doch dann werden wir von seiner plötzlich wieder auftauchenden Flosse eines Besseren belehrt. In uns erwacht der Jagdinstinkt und jeder möchte gerne näher an das Tier herankommen um es noch besser sehen zu können. Aber ohne Antrieb können wir nur hilflos auf das Wasser hinausstarren und hoffen, daß der Delfin von sich aus beschließt uns einen Besuch abzustatten.
Einige Zeit später gelingt es der Crew den Schaden selbst zu beheben und als der Schiffsdiesel wieder tuckernd seine Dienste aufnimmt, können wir dann doch noch die "Verfolgung" dieses faszinierenden Meeressäugers beginnen. Wir schaffen es in der Tat so nahe an den Delfin heranzukommen, daß jeder einen guten Blick auf diesen eleganten und pfeilschnellen Schwimmer erhaschen kann. Der Delfin tauch noch ein letztes mal auf, steuert direkt auf das Boot zu, zeigt sich in seiner ganzen Pracht und taucht dann unmittelbar vor dem Boot in die dunkelblauen Tiefen ab um endgültig zu verschwinden.
Einkaufen in Kas
So ein Erlebnis muß natürlich nach dem Tauchgang sofort bei einer kleinen Erfrischung und einer kulinarischen Stärkung in Form von türkischen Cheeseburgern dem nicht-tauchenden Teil der Gruppe in schillernden Farben erzählt werden. Zu diesem Zweck bietet sich der kleine Teegarten im Herzen der Altstadt von Kas geradezu an. Im Schatten der alten Bäume sitzend kann man für wenig Geld ein schlichtes Mittagessen bekommen und sich so langsam auf den Nachmittagstauchgang vorbereiten. Wer den Nachmittag lieber beim Bummeln durch die Altstadt verbringen möchte, kann den Teegarten auch als Ausgangspunkt für seine Streifzüge nehmen. Die urigsten und verwinkeltsten Einkaufsgäßchen von Kas verlaufen alle um den Teegarten herum oder nehmen dort ihren Anfang.
Sofern man genügend Geld in den Taschen hat gibt es hier fast nichts was man nicht kaufen könnte. Gold- und Silberschmiede, Gewürz- und Teehändler, Teppichhändler, Bäcker, Obsthändler, kleine Lebensmittelläden und Boutiquen reihen sich hier einander wie Perlen auf einer Kette. Man muß allerdings bei sogenannter Markenware gut achtgeben, den leider ist hiervon vieles schlicht und einfach eine Fälschung. Wenn einem der sprachgewandte Händler mit blumigen Worten eine "echte" Levis„¢ Jeans für umgerechnet 20DM anpreist, dann liegt der Verdacht nahe, daß diese Jeans eine Levis„¢-Schneiderei noch nie von Innen gesehen hat. Wer aber einfach nur ein paar schöne Hosen, Hemden, oder ähnliches sucht und dabei nicht dem Markenwahn erliegt, der findet durchaus auch sehr gute Ware für einen anständigen Preis. Man muß nur lange genug danach suchen, dann wird man auch fündig. Und mal ehrlich, das ist doch das Schönste an der ganzen Bummelei überhaupt.
Ein ganz besonderes Einkauserlebnis stellt der wöchentlich abgehaltene Bauernmarkt vor den Toren der Stadt dar. Hier bieten Bauern aus der Umgebung Ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse feil und fahrende Krämer verkaufen alles was der Landmann bzw. die Landfrau zum täglichen Leben brauchen.
Das Einzige, das wir trotz aller Bemühungen in ganz Kas nicht auftreiben können, ist eine Flasche Bitterlemon. Wenn wir das nächste mal nach Kas kommen, und ich bin mir sicher es wird ein nächstes mal geben, dann muß der Bitterlemon unbedingt mit auf die Packliste für diesen Urlaub.
Der Ausflug nach Kekova
Eine der faszinierendsten Über- und Unterwasserlandschaften der Türkei ist das Gebiet, das nach der Insel, die die Bucht vor dem Meer schützt, als "Kekova" bezeichnet wird. Das türkische Wort Kekova bedeutet übrigens soviel wie Thymianfeld und beschreibt das Gebiet um die versunkene lykische Stadt Simena. Das antike Simena bestand seiner Zeit aus zwei Stadtteilen. Ein Stadtteil auf der Insel Kekova und der andere auf dem türkischen Festland. Dazwischen erstreckte sich die Bucht deren Größe dafür sorgte, daß der Stadtteil auf der Insel von je her nur mit dem Boot erreicht werden konnte. Im 2ten Jahrhundert nach Christi Geburt zerstörte ein gewaltiges Erdbeben die antike Stadt und ließ die Insel Kekova mehrere Meter ins Meer absinken. Ein Großteil der Gebäude verschwand damals in den Fluten des Mittelmeeres. Noch heute kann man an den steilen Hängen der Insel die Ruinen von Häusern sehen und in den Fels gehauene Treppenstufen führen hinab ins kristallklare Wasser, in dem man Fundamente und die Reste alter Hafenanlagen erkennen kann. In der stillen Bucht gibt es dazu Dutzende kleiner Inseln, alle einst erkennbar bewohnt.
Auch der Stadtteil auf dem Festland wurde bei dem Beben schwer beschädigt und versank teilweise in der Bucht. Die Reste der einst blühenden lykischen Stadt wurden zu dem noch heute existierenden kleinen Fischerdörfchen Kale (türk. für Burg), benannt nach der Festungsanlage deren Ruinen heute noch das Dörfchen überragen. Die Burg wurde während der Kreuzzüge von Rittern des Johanniter Ordens auf den Grundmauern einer antiken Festungsanlage errichtet und enthält heute noch das kleinste Amphietheater Lykiens. Nach dem Rückzug der Kreuzritter fiel die Festungs in die Hände der Osmanen, welche der Anlage ihr heutiges Aussehen verliehen haben. Am Ostende von Kale gibt es einen großen Hain mit dutzenden von antiken lykischen Sarkophagen umgeben von uralten Olivenbäumen. In der Nähe der Landungsstege von Kale ragt ein Sarkophag sogar aus dem Wasser heraus, noch immer an genau dem Platz stehend, wo er vor dem buchstäblichen Untergang der Stadt errichtet wurde. Aber auch Spuren noch älterer lykischer Bestattungsformen kann man in Kale und Umgebung finden. Gemeint sind damit Felsengräber, in den weichen Kalkstein gehauene Gruften deren Eingänge mit Ornamenten verziert, damaligen Hausfassaden nachempfunden wurden.
Wer sich mehr für die lykische Geschichte interessiert, den möchte ich gerne auf die Internet-Seite http://www.lycianturkey.com verweisen. Allerdings ist diese Seite in englischer Sprache verfaßt, aber ich konnte bislang leider noch keine vergleichbare Seite in Deutsch finden.Die abgelegene Lage hat verhindert, daß das Dörfchen Kale, das bis heute nur mit dem Boot zu erreichen ist, vom Tourismus überrollt wurde. Autos wird man in Kale nirgends zu sehen bekommen, denn Straßen gibt es schlicht und einfach nicht. Die Häuser wurden auf den Fundamenten der antiken Bauwerke errichtet und ihre Anordnung entspricht noch heute genau dem antiken Vorbild. Kleine verwinkelte Gassen und in den Fels gehauene Treppen sind die einzigen Wege die es in und um Kale herum gibt. Viele der Häuser sind schon weit über tausend Jahre alt und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß in Kale bei dem großen Beben vor knapp zweitausend Jahren die Zeit irgendwie stehen geblieben ist.
Um diesem Kleinod der türkischen Küste einen Besuch abzustatten, beschließen wir für einen Tag mit dem Tauchen auszusetzen und dafür einen Tagesausflug mit dem Schiff nach Kekova zu machen. Früh am Morgen stehen wir am Hafen um einen guten Platz auf dem Sonnendeck des Boots zu bekommen, doch anscheinend sind wir nicht die Ersten, welche diese Idee haben. Auf jeden Fall sind alle Schattenplätze auf Deck schon fest in türkischer Hand. Da das Schiff mit einem Glasboden ausgestattet ist, können wir zum ersten mal den Grund des Hafenbeckens erkennen. Eindeutig kein Platz an dem man gerne Tauchen möchte, höchstens man interessiert sich für Aldi Tütenfische und rostige Fahrräder. Das Wasser in der Bucht ist heute unruhiger als sonst und man kann weiter draußen schon die ein oder andere Schaumkrone auf den Wellen erkennen. Aber ein bißchen Seegang kann einen Seemann doch nicht erschüttern, und erst recht keinen gestandenen Taucher bzw. gestandene Taucherin. Hätten die Passagiere an Bord zu diesem Zeitpunkt schon gewußt was Ihnen bevorstehen sollte, ich glaube wir hätten dann mehr als genug Platz auf dem Sonnendeck gehabt. Aber so fahren wir nichtsahnend unserem Schicksal entgegen auf's offene Meer hinaus.
Kaum haben wir die Landzunge passiert und die schützende Bucht von Kas verlassen, beginnt das Schiff deutlich auf den Wellen auf und ab zu schaukeln. Der Kapitän versucht zwar so dicht wie möglich an der Küste enlang zu fahren um den Windschatten der Berge auszunutzen, aber kaum eine halbe Stunde später sieht man schon die ersten grünen Gesichter vor zum Bug eilen um die Fische zu füttern. Es sollten nicht die einzigen bleiben an diesem Tag. Nach ungefähr einer Stunde Fahrt erreichen wir die Einfahrt zur Bucht von Kekova. Im Windschatten einer Insel legen wir Anker und die Crew bereitet für die Passagiere Köfte (Hackfleischbällchen) zum Mittagessen. Das gibt uns die Gelegenheit vor dem Essen noch Schwimmen zu gehen und ein bißchen Abkühlung von der inzwischen prallen Mittagshitze zu suchen. Anscheinend ist unser Ankerplatz ein beliebter Treffpunkt, denn wir sind nicht das einzige Ausflugsboot, welches hier Rast macht. Von nah und fern treffen Ausflugboote, Segel- und Motoryachten ein und bald taucht auch das erste kleine Fischerböotchen auf, welches zwischen den Ausflugsbooten hin und her tingelt und Eiscreme verkauft. Das Boot ist nicht größer als ein kleines Ruderboot und eine gigantische Schöller-Tiefkühltruhe nimmt den meisten Platz im Boot ein. Der kleine 5PS Außenbordmotor hat seine liebe Mühe das Gefährt voranzubringen. Auf der felsigen Insel klettern wilde Ziegen die steilen Abhänge hoch und runter. Da es sich bei der Insel um ein unbewohntes Eiland handelt und Ziegen nicht unbedingt die ausdauerndsten Schwimmer sind, stellt sich uns die Frage welche Laune des Schicksals diese Ziegen hier angespült hat. Auf jeden Fall scheinen sie dort ein ruhiges Leben zu führen.
Gestärkt durch das Mittagessen stechen wir kurz darauf wieder in See und fahren dicht unter Land am Ufer der Insel Kekova entlang. Über den Bordlautsprecher ertönt die Stimme des Kapitäns, der uns mitteilt, daß an Steuerbord demnächst die versunkene Stadt Simena auftaucht. Unmittelbar darauf bekommt das Boot leichte Schlagseite, denn alles hechtet auf um mit Foto und Videokamera bewaffnet diesen Moment für die arme Verwandschaft zu Hause festzuhalten.
Vor unseren Augen tauchen die ersten Ruinen am Ufer auf und wenn man in das glasklare Wasser blickt, kann man alte Mauern und Wege erkennen. Treppen führen direkt ins Wasser und ab und zu sieht man sogar noch eine ganze Hauswand mit Fenstern und Türen stehen. Das ganze Ruinenfeld ist komplett zugewuchert und nur vom Wasser her erreichbar. Die Insel Kekova ist seit dem Untergang der Stadt Simena nicht mehr bewohnt und wenn man die steilen, schroffen Felswände der Insel betrachtet, wundert man sich, daß Menschen hier überhaupt jemals siedeln konnten.
Zum Schutz der Ruinen ist an dieser Küste sowohl Schwimmen als auch Tauchen strikt verboten. Selbst ankern darf man an dieser Küste nicht. Die türkischen Behörden nehmen es zum Glück sehr genau wenn es um den Schutz Ihrer Kulturgüter geht. Auch wenn man beim Tauchen die tollste Amphore oder sonstige Relikte aus alter Zeit findet, sollte man sie tunlichst dort unten lassen, egal wie sehr es einen reizt sowas im Wohnzimmer stehen zu haben. Spätestens wenn einen die türkische Polizei am Flughafen aus der Warteschlange zieht hat der Reiz sein jähes Ende und die Strafen sind hier empfindlich hoch.
Unser Boot fährt ungefähr 10 Minuten an den Resten dessen vorbei, was einmal vor 1800 Jahren eine blühende Kleinstadt war. Dann drehen wir bei und steuern das Festland am anderen Ufer der Bucht an, direkt auf das Fischerdörfchen Kale zu. Hoch über Kale sehen wir die alte Kreuzfahrerfestung die sich klar gegen den strahlend blauen Himmel abhebt. Die türkische Fahne, die jetzt dort oben im Wind flattert, macht nocheinmal klar, wer die jetzigen Burgherren sind.
Mit einer wesentlich friedlicheren Absicht als damals die Kreuzfahrer legen wir im kleinen Fischerhafen von Kale an und gehen auf einen kleinen Landgang um die Schönheit dieses kleinen, von der Zeit vergessenen Fleckchen Erde näher anzuschauen. Ein Teil unserer Gruppe beschließt gleich den Einkehrschwung in die kleine Kneipe am Hafen zu praktizieren, doch die meisten von uns nehmen den beschwerlichen Fußweg hinauf zur Burg in Angriff. Vorbei an alten Ruinen von denen einige sogar noch bewohnt sind, führt der Weg teilweise gepflastert, teilweise als Treppe in den Fels gehauen, langsam aber stetig aufwärts. Im Schatten eines alten Sarkophags sitzt ein alter Mann und verkauft Kräuter welche er in der Umgebung gesammelt hat. Aus den kleinen verwinkelten Häusern kommen Frauen und Kinder welche uns selbstgeknüpfte Armbänder, Kopftücher, Silberschmuck und ähnliches verkaufen wollen. Je weiter wir uns im Schweiße unseres Angesichts und vor allem in der prallen Sonne den Berg hinaufquälen, um so weniger Straßenhändlern begegnen wir. Dafür haben nun ein paar Einheimische einen kleinen Stand mit eiskaltem, frisch gepreßten Orangensaft strategisch klug an den Treppen postiert. Während ich mir noch überlege, ob ich mir ein Glas Orangensaft gönnen soll oder noch solange ausharre bis wir alle zusammen in der Hafenkneipe ein eiskaltes Efes stürzen, entdeckt Kurti einen kleinen Stand der Replikate alter lykischer Fruchtbarkeitsgötter verkauft. Voller Staunen betrachtet er die kleinen Holzmännchen mit den riesigen....na, Ihr wißt ja schon... Die Mädels aus unserer Gruppe, voll auf dem Kulturtrip, spurten förmlich den Berg hinauf zur Festung und wir müssen Orangensaft und Fruchtbarkeitsgötter notgedrungen zurücklassen um den Anschluß nicht zu verlieren.
Auf ungefähr halber Höhe kommen wir an der Ruine der kleinen Kreuzfahrerkapelle vorbei, welche mit ihren mehreren Fuß dicken Mauern auf uns eher den Eindruck einer Festung als den eines Gotteshauses macht. Sie waren halt schon ein ziemlich kriegerisches Völkchen, diese selbsternannten Befreier des Heiligen Landes. Heutzutage würde man sie wohl eher als Terroristen bezeichnen, denn wenn man den Geschichtsbüchern glauben darf, dann sind sie damals mit der hiesigen Bevölkerung nicht gerade sehr zimperlich umgesprungen. Die Kreuzfahrer sind zum Glück wieder verschwunden und die Natur hat sich den kleinen Felsen mit der Kapelle eindrucksvoll und vor allem friedlich zurückerobert.
Endlich oben angekommen bietet sich uns ein unvergeßlicher Blick. Einem Gemälde gleich entrollt sich vor unseren Augen die gesamte Bucht von Kekova. In der Ferne die Inseln, welche die Bucht vor den Stürmen des Meeres schützen, unmittelbar unter uns das Dörfchen Kale und im Osten der alte Olivenhain der über und über mit alten Sarkophagen der Lykier bestückt ist. Allerdings sind auch diese Gräber wie die in Kas bereits vor Jahrhunderten geplündert worden und der Reichtum und die Kunstfertigkeit dieses Volkes läßt sich heute nur noch vage erahnen. Wenn man von oben in die Bucht schaut, kann man im Wasser sehr gut die alten Hafenanlagen von Simena erkennen und den im Wasser stehenden Sarkophag. Unser Boot im Hafen scheint klein wie eine Nußschale und wenn man die Dachterasse der kleinen Hafenkneipe findet, dann kann man auch Felix und Bernd bei ihrem Efes sitzen sehen. Zumindest Felix ist mit seinem knallig orangenen T-Shirt und seinem Kopftuch gut zu erkennen. Bevor uns die Sonne auf dem Berg das Denkstübchen vollends weichkocht, steigen wir wieder hinab zum Hafen um uns den anderen in der Kneipe anzuschließen. Diesesmal nehmen wir allerdings die etwas schattigere Route durch den Olivenhain. Kaum unten angekommen, signalisiert unser Boot auch schon die bevorstehende Abfahrt und es reicht uns gerade noch für eine schnelle Visne-Soda auf den Weg. Hurtig packen wir unsere sieben Sachen zusammen und eilen über die schmalen Stege zum Boot. Unser Aquaticus Chaoticus oder liebevoller Hama alles hat auch gleich seinem Namen wieder alle Ehre gemacht und Felix und Bernd freuen sich auf ein Freibier, nachdem Sie ihm seine Fotoausrüstung auf's Boot nachtragen mussten. Wenn schon keiner ohne Flossen in's Wasser springt oder irgendwelche runden Tauchgänge zu feiern sind, dann muß man eben sehen, wann und wie man zu seinem Freibier kommt. Und wer weiß, vielleicht hat dieser Brauch für einige auch einen erzieherischen Charakter.
Die Nachmittags-Sonne steht inzwischen schon tief am Horizont und der Wind hat kräftig aufgefrischt. Als unser Boot den Schutz der Bucht verläßt, beginnt ein wahrer Hexenritt in Richtung Kas. Mit dem Wind hat auch der Seegang zugenommen und 2 Meter hohe Wellen heben unser Boot wie ein Spielball in die Höhe und werfen es mit Wucht in das nächste Wellental. Die Gischt der Bugwellen durchnäßt uns binnen Minuten, und das obwohl wir auf dem Sonnendeck sitzen, 4m über der Wasseroberfläche. Jeder Versuch, an Deck aufzustehen oder gar zu laufen wird durch das heftige Schaukeln des Bootes zunichte gemacht. Wir können uns nur noch kriechend fortbewegen. Die Mannschaft versucht hektisch Stühle, Tische und Matten zu sichern die wie Spielzeug auf dem Deck hin und her fliegen und auch wir haben unsere liebe Not dafür zu sorgen, daß unser Hab und Gut nicht über Bord geblasen wird. So kauern wir durchnäßt von der Gischt und frierend im Wind. Das Führerhaus des Kapitäns bietet nur unzureichend Schutz zumal der Wind ständig seine Richtung wechselt. Uns kommt die Fahrt nach Kas wie endlose Stunden. Als die Insel Kastellorizo in Sicht kommt glauben wir das Schlimmste überstanden zu haben, denn von dort ist es nicht mehr weit bis Kas und die Insel sollte uns doch etwas Schutz vor Wind und Wellen bieten. Inzwischen sieht man aus allen Richtungen kommend Segelboote und Motoryachten die sich durch die See in Richtung Kas vorwärtskämpfen um dort im Hafen ein sicheres, vor Wind und Wellen geschütztes Plätzchen zu finden. Als wir den Kurs wechseln und in Richtung Kas beidrehen bekommen wir die Wellen, welche wir zuvor frontal vom Bug her genommen haben, plötzlich von der Seite und das Boot beginnt gefährlich zu rollen und sich zur Seite zu neigen. Auf dem Hauptdeck beginnt das Wasser über die Bordwand zu schwappen. Lediglich unser Bernd schafft es bei dem ganzen Durcheinander seelig unter Deck zu schlafen. Als wir endlich den sicheren Hafen erreichen, sieht man fast nur Leute mit grünen Gesichtern und ganz kleinen Augen von Bord gehen.
Der Abschied von Kas
Leider gehen auch die schönsten Dinge im Leben irgendwann einmal zu Ende und für uns heißt es nach einer erlebnisreichen Woche wieder Abschied nehmen. Der Abschied wird uns durch den aktuellen Wetterbericht aus Deutschland auch nicht unbedingt einfacher gemacht. Zuhause regnete es nämlich wieder einmal und die Temperaturen von ca. 10ºC erinnern uns daran, daß es ratsam ist eine lange Hose und eine Jacke mit in's Handgepäck zu nehmen.
Neben warmer Kleidung können wir aber auch die Erinnerungen an ein paar unvergeßliche Tage mit nach Hause nehmen. Erinnerungen an schöne Tauchgänge, stürmische Tagesausflüge, gesellige Abende und nicht zuletzt an eine tolle Tauchbasis die mit ihrem freundlichen und kompetenten Personal das Tauchen für uns zu einem kurzweiligen und faszinierenden Erlebnis gemacht hat.
An dieser Stelle möchte ich mich auch nochmals im Namen aller bei Hajo und Berna bedanken. Beide habe viele Stunden Ihrer Freizeit geopfert um die Clubausfahrt zu organisieren und während der Woche in Kas haben sie die Reiseleitung mit all den damit verbundenen bürokratischen Pflichten übernommen. Ein besonderer Dank von den Tauchern in der Ausbildung an Hajo der mit ihnen in dieser Woche viele Ausbildungstauchgänge und Rettungsübungen durchgeführt hat. In diesem Zusammenhang auch noch unsere besten Glückwünsche an Hans-Martin, der in Kas seine Ausbildung zum Bronzetaucher abgeschlossen hat.
In diesem Sinne bis zur Clubausfahrt im nächsten Jahr........